ÜBER(LEBT)

VON HUNDERT AUF NULL IN WENIGEN MINUTEN

persönliche Aufnahme aus dem Jahr 2022.

Ich heiße Katrin Dohnt und habe am 19. Januar 2006 einen schweren Unfall in der Telekom AG Darmstadt mit lebensbedrohlichen Verletzungen überlebt.

Durch den Einsturz einer tonnenschweren Wand wurde ich von einem Moment auf den nächsten regelrecht aus dem Leben geschlagen. Zurück gefunden habe ich bis heute nicht (04 2026).

Ermittlungen der Staatsanwaltschaft Darmstadt haben 2010 ergeben, dass drastische Baumängel Ursache für den Unfall waren.

Mein Leben wie es vor dem Unfall war – mit Arbeit, Hobbys, Beziehung, Freundschaften und sozialem Umfeld gibt es nicht mehr. Heute lebe ich nicht mehr, ich existiere nur noch – und selbst das ist auf das Nötigste an Möglichkeiten reduziert.

Bis zu dem Unfall war ich sportlich sehr aktiv.
Es gab kaum eine Sportart für die ich mich nicht begeistern konnte – von Curling abgesehen.

Zu viel des Guten?

Mit meinem Beruf als IT-Managerin hatte ich meinen Traumjob. Die Arbeit in der Telekom AG war für mich mehr als nur Geld verdienen. Ich bin an fast jedem Tag gern zur Arbeit gegangen.

Meine Arbeit, mein soziales Umfeld habe ich als Glück und Bereicherung empfunden.

Zum zweiten Mal in meinem Leben hatte ich das große Glück, mit einer Partnerin zusammen zu leben, die ich heiraten und mit der ich alt werden wollte.

Auflösung in Wohlgefallen

Alt geworden bin ich nach dem Unfall innerhalb kürzester Zeit. Meine gesundheitliche Unversehrtheit, mein Beruf, meine Arbeit, Beziehung und Freundschaften – alles hat sich in aufgelöst in einem großen Nichts. Fast so, als wäre es nie da gewesen.

Der Verlust meiner Gesundheit war „nur“ der Beginn einer endlosen Verlustkette. Als erstes habe ich meine Arbeit verloren. Gegen meinen Willen wurde ich in Rente geschickt ohne Aussicht darauf, jemals wieder arbeiten zu können. Viel wurde getan – nicht nur von der Telekom AG, um mich ruhig zu stellen.

Die Zwangsberentung war der entscheidende Baustein für meine Ruhigstellung, sie war der Beginn meiner gesellschaftlichen Isolation.

Ohne Arbeit ist man in Deutschland völlig wertlos. Zumindest in meinem Alter.

Zustände wie im alten Rom

Es wurde noch nicht einmal der Versuch unternommen, die Unfallverletzungen medizinisch zu versorgen und mich so vielleicht wieder dauerhaft in den Arbeitsmarkt einzugliedern.

Bis auf die Verletzung der Hals-Wirbelsäule (HWS) und dem schwer komprimierten Rückenmark der HWS zwischen C3 und C6 wurde keine der schweren, teils lebensbedrohlichen Verletzungen medizinisch behandelt.

Die Operation der HWS erfolgte erst drei Monate nach dem Unfall. So lange hat es gebraucht, bis die Übernahme der Kosten geklärt war. Die Neuro-Chirurgie der Uniklinik Mainz ist damals ein hohes Risiko eingegangen.

Denn weder die Berufsgenossenschaft noch die AOK waren bereit, die Kosten der OP und eventuelle Folgekosten zu übernehmen. Letztendlich hat die Uniklinik sich an den hypokritischen Eid gehalten den alle Ärzte als Basis für ihren Beruf beschwören, zumindest diese Verletzung zu operieren und so die dramatischen Folgen zu vermeiden, die es gehabt hätte ohne eine OP dieser Verletzung.

Ohne diese OP hatte eine Lähmung ab Hals abwärts gedroht. Geblieben ist „lediglich“ eine cerebrale Hemiparese der linken Körperhälfte. Eine Lähmung, die entweder die Folge des erlittenen Schlaganfalls oder einer der Hirnblutungen ist.

Verletzungen von oben bis unten

Später wurde im Rahmen vieler Gutachten und Untersuchungen festgestellt, dass ich während des Unfalls einen Schlaganfall erlitten habe. Epidurale und subdurale Hirnblutungen waren, wie schwere Schädigungen des Rückenmark weitere Unfallverletzungen.

Auf Höhe der BWS hat sich ein Knochensplitter gelöst und die Wanderschuhe angezogen. Mit denen ist er dann in Richtung Rückenmark gewandert.

In Höhe der Lendenwirbelsäule wurde ebenfalls das Rückenmark geschädigt. Nicht durch einen wandernden Knochensplitter, stattdessen hat sich durch den schweren Aufprall ein Loch im Rückenmark gebildet, eine sogenannte traumatische Syringomyelie.

Eine Tonne vs. fünfzig Kilo

Wenn ein Gewicht von einer Tonne mit Beschleunigung und ohne Schutz auf Kopf und Rücken einer 50-Kilo-Person schlägt, sind all diese Verletzungen nicht verwunderlich.

Verwunderlich hingegen ist die Tatsache, dass keiner dieser Verletzungen medizinisch versorgt oder gar behandelt wurden und bis heute nicht behandelt werden. Und ich bin immer noch da. Dies ist im Lauf der Zeit auf Verwunderung und Staunen seitens der Verantwortlichen und nachfolgend Involvierten gestossen.

Die Rentenversicherung ist sicher nicht davon ausgegangen, mehr als 20 Jahre monatlich eine Apanage überweisen zu müssen. Auch wenn diese zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel ist. Dies gilt vor allem für die Rentenzahlung durch die Berufsgenossenschaft.

Zum Sterben zu wenig

Deren Rente würde nicht einmal zum Sterben ausreichen, hat ergänzend zur Erwerbs-Unfähigkeitsrente jedoch die wichtige Funktion einer Anerkennung des Erlebten.

Mit Eintritt meines regulären Rentenalters im Jahre 2032 wird die Zahlung der Unfallrente eingestellt. Dann kann ich mich zu den Obdachlosen in der Stadt setzen.

Zumindest wäre ich dann unter Leuten.

Verlust von Vertrauen

Einige Jahre nach dem Unfall habe ich erfahren, dass viele der Beteiligten gehofft und darauf gewartet haben, ich würde an den schweren Verletzungen sterben. Allein an den erlittenen Kopfverletzungen sterben in Folge eines Unfall (sogenanntes körperliches Trauma) laut Statistik mehr als 65 Prozent der Betroffenen innerhalb von zwei Jahren nach dem Unfall. Ein durchaus berechtigter Wunsch also.

Der Sinn des Lebens

Weshalb ich immer noch da bin? Ich weiß es nicht. Und mir fallen auch immer weniger Gründe dafür ein. Es kann nur etwas sein, dass in der Zukunft liegt. Denn mit meinem heutigen Sein hadere ich sehr. Mir ist vor langer Zeit der Sinn meines Lebens und das Vertrauen in andere Menschen verloren gegangen. Beides habe ich bis heute nicht wieder gefunden und kann mir momentan auch nicht vorstellen, das dies nochmal geschehen wird.

Die Zeit heilt nicht alle Wunden. Sie erzeugt auch Neue.

Zu schwer wiegen die physischen und psychischen Verletzungen. Zu lange dauert die soziale Entfremdung. Der einzige Trost den ich immer bei mir habe ist das Wissen, dass, wenn es gar nicht mehr funktioniert mit dieser Form der Existenz ich die Möglichkeit habe, diesem Elend jederzeit ein Ende setzen zu können.

Achtung, an all jene, denen schon die Finger jucken mit dem „Wunsch“ etwas zu unternehmen. Das ist kein Wunsch zu sterben. Es ist lediglich die Erkenntnis, das jedes Leben endlich ist und es nicht um jeden Preis gelebt werden muss.

Es kommt nur auf die richtige Hilfe an

Wenn wirklich jemand helfen will, dann helft mir bitte im Leben. Bei der Bewältigung meines Alltags. Bei der Beschaffung einer behindertengerechten Wohnung mit mindestens 50qm. Beim Einkaufen, beim Kennenlernen neuer Kontakte.

Zum Zeitpunkt des Unfalls war ich 40 Jahre, hervorragend ausgebildet im kaufmännischen Bereich und in der Informations-Technologie mit den Schwerpunkten IT-Sicherheit und Webdesign. Ich war in einer Lebensphase in der ich dachte, die Früchte meiner jahrelangen Aus-und Weiterbildungen und meines Studiums ernten zu könne

Sieben Anträge meines Hausarztes auf eine Reha-Massnahme wurden unbegründet abgelehnt. Mit dem achten Reha-Antrag kam der Rentenbescheid.

Mein längerfristiges Ziel war es, in einer Hochschule mein Wissen an junge Studierende weitergeben zu können. Mit ihnen in den Wissensaustausch zu treten und bisheriges Wissen mit neuen Möglichkeiten zu verbinden.

Ich habe immer gern gelernt. Egal ob in der Schule, in der Ausbildung oder im Studium.

Ab meinem dreiundzwanzigsten Lebensjahr habe ich jede sich bietende Chance auf Wissen und Weiterbildung genutzt. Viele davon auf eigene Kosten. Auch mein Studium zur IT-Managerin habe ich zu einem Drittel selbst bezahlt. Für mich die beste Investition in mich selbst. In mein berufliches und privates Leben.

Mit Mitte zwanzig war ich endlich in einem Land in dem ich lernen konnte was ich wollte. Das hat mich regelrecht beflügelt. Damals hatte ich noch Träume und Ziele.

Beides habe ich heute nicht mehr. Heue gibt es nur noch Albträume, Mut- und Hoffnungslosigkeit.

Mitte 2023 wurde ich gegen meinen Willen in einer AWO-Pflegeeinrichtung im Bereich Betreutes Wohnen eingepfercht. Ein Raum, der Gleichzeit Küche, Wohn- und Schlafraum ist mit sagenhaften ca. 30 Quadratmeter.

Hier leben über achtzig- und neunzigjährige, die zum Teil fit sind wie ein Turnschuh. Für die bin ebenso ein Störobjekt wie für die Heimleitung und einige AWO-Mitarbeiter. Alles was getan werden kann um den Aufenthalt so liebevoll wie nur möglich zu gestalten, wird auch getan. Ein Auszug:

  • Ignorieren bestehender Mietmängel wie fehlendes warmes Wasser aus Handwaschbecken, verstopfte Toilette, defekte Sprechanlage, ständig überhitzter Wohnraum (Fußbodenheizung)
  • Verbale Beleidigungen und Entgleisungen wie …dann müssen sie eben kacken wie normale Menschen
  • Vorsätzliche? Entfernung des Namensschildes an Aussenbeschilderung
  • defekte Balkonsteckdose und -beleuchtung
  • Monatelanger nächtlicher Klingelterror
  • Fehlende Unterbringung für Fahrrad
  • Mutwillige? – auf jeden Fall nachhaltige Zerstörung meines Fahrrades (Gang-Schaltung).

Nachhaltig deshalb, weil ich gesundheitlich und finanziell nicht mehr in der Lage bin, dies selbst zu reparieren oder reparieren zu lassen.

Mobbing oder Dummheit?

Auch wenn es lange her ist, meine ich mich zu erinnern, dass derartiges Verhalten und Agieren in der Arbeitswelt Mobbing genannt wird und strafbar ist.

Ziel dieser Nettigkeiten ist wahrscheinlich, mich so schnell wie möglich wieder aus der Räumlichkeit zu bekommen. Bessere Mieterinnen sind ab Ü 70jährige, bei denen man nicht nur davon ausgehen kann, dass sie in Bälde das Zeitliche segnen, die vor allem keine Widerworte geben. Die alles mit sich machen lassen, jede Ferkelei geräuschlos hinnehmen oder sich noch dafür bedanken.

Respekt vor dem Alter schaut anders aus.

Gedanken über das Leben

Seit meinem Zwangseinzug in die Einrichtung sind mindestens fünf Menschen aus dem Bereich Betreutes Wohnen gestorben. Auch wenn sie alle unterschiedlich in ihren Persönlichkeiten waren, hatte sie eine Gemeinsamkeit. Sie haben alle unter der hier vorherrschenden Einsamkeit und Isolierung gelitten.

Drei von ihnen haben immer wieder geäußert, dass sie .. sich am liebsten aus dem Fenster stürzen würden, dass sie … am liebsten Schluss machen möchten.

Es geht immer nur ums Geld

Nach meiner Wahrnehmung ist ein schneller Wohnungswechsel der Mieterinnen die Absicht der AWO. Da bleibt immer etwas hängen für die AWO. Und wenn es nur die Mietkaution ist. Die wir hier immerhin als der dreifacher Betrag der Kaltmiete gefordert.

Nach einem „Auszug“ wird nicht viel bis Nichts getan um eine Wohnung für den nächsten Bezug fit zu machen. Leider weiß ich, wovon ich schreibe.

Bis zur Übernahme der Einrichtung durch eine neue Leiterin vor etwas mehr als drei Jahren, haben Mieterinnen hier wohl sehr komfortabel mehr als zwanzig Jahre gelebt. Ein paar der Erstbezügler (ca. 1995) sind auch heute noch hier. Gelegentlich erzählen sie, um wieviel schlechter das Leben für sie hier seitdem geworden ist.

Bild mit einsamen. alten Mensch, der aus einem vergitterten Fenster schaut.

Konsequente Tristesse

Da helfen auch nicht die Veranstaltungen, die mit unseren Bedürfnissen soviel zu tun haben wie ein Salzstreuer mit der Mondlandung. Zudem sind sämtliche Veranstaltungen auch für den Pflegebereich der AWO. Deren Bewohnerinnen nutzen die Angebote meist zahlreich. Das bedeutet, die Räumlichkeiten sind sehr oft prall gefüllt von Menschen in Rollstühlen. Für die Fußgängerinnen mit und ohne Rollator aus dem Bereich Betreutes Wohnen ist dann kaum noch Platz.

Für diese hochwertigen Angebote, die zum Teil von fragwürdigen Personen begleitet werden, zahlen Mieterinnen des betreuten Wohnen zusätzlich zur eh schon teuren Miete monatlich Neunzig Euro. Geld, dass gefühlt zum Fenster rausgeschmissen ist.

Apropos Miete. Für ca. 35qm, inklusive eines Balkons ohne Überdachung, dafür mit Taubenbefall, sind monatlich zärtliche 681 Euro Warmmiete fällig.

Die jährliche Nebenkostenabrechnung schlägt bisher auch mit üppigen Nachzahlungen zu Buche. Nach fast drei Jahren AWO-Wohnen bleibt die traurige Erkenntnis, dass die AWO mindestens genauso gut oder so schlecht ist wie private Vermieter.

Seit ich hier wohne, war der Wohnraum noch nie in einem Zustand den man als schön oder gemütlich bezeichnen würde. Stattdessen hat das Chaos im Lauf der Zeit konsequent und opulent zugenommen. Sobald es etwas schöner aussah, hab eich unbewusst begonnen wieder Chaos herzustellen. Zuletzt habe ich Kartons gekauft mit dem Gedanken, den ganzen Ramsch in die Kisten zu werden und fertig. Die Kartons stehen immer noch. Der Ramsch auch. Und zwar beides separat. Es gibt Bereiche, durch die ich nur in seitlicher Bewegung durchkomme.

Schmerzhafte Erkenntnis

Vor kurzem ist mir bewusst geworden, weshalb ich dieses Chaos und diese wohnfeindliche Umgebung nicht nur pflege und hege, sondern sie regelrecht kultiviere. Ich möchte mein äußeres Umfeld meinem innerlichen Befinden gleichsetzen. Wenn man derart unfreundlich, teilweise unverschämt und beleidigend begrüsst und behandelt wird, wenn immer wieder deutlich wird wie wenig willkommen man ist, dann lässt sich dass für mich nicht mit einer feinen Wohnung vereinbaren.

Das ausgiebige Chaos soll mich immer wieder dazu nötigen, ein anderes Wohnumfeld zu finden. Auch wenn ich (noch) nicht weiß, wie das funktionieren soll. In dieser menschenfeindlichen Umgebung möchte ich auf keinen Fall den Rest meiner Tage verbringen müssen. Egal wie viel oder wie wenige Tage das sein werden.

Einsame Frau am vergitterten Fenster. Einsamkeit und soziale Isolation sind ebenso schmerzhaft wie körperliche Schmerzen.