und seelische Belastungen nach traumatischen Ereignissen

Die nachfolgenden Texte und Bilder können für traumatisierte Menschen re-traumatisierend sein oder einen sog. Flashback auslösen. Sollten sie beim Lesen körperliche Symptome wahrnehmen wie Atemnot oder Zittern, lesen sie bitte zu einem späteren Zeitpunkt weiter.
Persönliche Erfahrungen
Weiterleben mit Todeserfahrung und dem jahrelangen Gefühl, tot zu sein
Nach (m)einem überlebten Unfall mit Todeserfahrung fühlte sich das Leben völlig surreal an.
In den ersten drei Jahren nach dem Unfall habe ich wie in einer Glocke gelebt. Ich war in der Wahrnehmung gefangen, tot und in einer Art Zwischenwelt zu sein.
Immer wieder war mein Denken, weshalb ich sterben musste, wenn sich im totsein alles ähnlich wie im realen Leben anfühlt.
Gespräche habe ich gehört, doch den Inhalt habe ich nicht verstanden. Stimmen von Freunden und Bekannten habe ich nicht mehr zuordnen können. Namen von ihnen wusste ich nicht mehr.
Eine zeitlang konnte ich mich nicht mehr an meinen eigenen Namen erinnern. Dann habe ich in persönlichen Unterlagen nach mir selbst gesucht.
Die Wahrnehmung tot zu sein, wurde durch dass Agieren der Telekom AG verstärkt. Diese hat bis 2013 behauptet, es sei nichts passiert. Eine fürchterliche Erfahrung. Ich sehe, ich höre, ich fühle doch nichts davon kann wahr sein, behaupten doch alle, dass nichts war.
Auch die Tatsache, keine medizinische Behandlung zu bekommen, hat das Gefühl der Surrealität verstärkt.
Das Vertrauen in Menschen und in den Staat hat nach fast zwanzig Jahren Verweigerung und Ablehnung von Hilfe stark gelitten.
Seelisches Erdbeben
Meinen Trauma-Moment habe ich wie ein seelisches Erdbeben der höchst denkbaren Stufe erlebt.
Mein gesamtes, damals 40jähriges Leben wurde heftig erschüttert. Alles was bis dahin in meinem Leben stattgefunden hatte wurde chaotisch durcheinandergeschmissen. Kein Seelenstein ist auf dem anderen geblieben.
Dabei wurden auch Traumata die mehrere Jahrzehnte zurück lagen wieder nach oben katapultiert.
Geblieben war ein nicht mehr zu beherrschendes seelisches Chaos.

Letzte Gedanken vor dem Sterben
Im Moment des Unfalls – als ich überzeugt davon war im nächsten Moment zu sterben, sind Bilder aus meiner Kindheit, Jugend und der Gegenwart chaotisch und in einem irrsinnigen Tempo durch meinen Kopf gerast. Ein regelrechtes Blitzgewitter ist durch meinen Kopf geschossen. Zu schnell, um irgendetwas wirklich wahrzunehmen.
Jetzt wird gestorben
Unmittelbar vor dem Unfallgeschehen herrschte plötzlich eine Todesstille. Eine tiefe Traurigkeit darüber, mich nicht von meiner Partnerin, FreundInnen und Arbeitskolleginnen verabschieden zu können, war das Letzte, woran ich mich erinnere.
Der Gedanke, dass niemand wissen würde weshalb ich nie wieder nach Hause komme, hat in mir pures Entsetzen ausgelöst und die bereits eingetretene Erstarrung zusätzlich verstärkt.
Nach der Ruhe kam der Sturm
In dem Moment, als die Wand mit brachialer Gewalt zunächst auf meinen Kopf und die rechte Schulter knallte, explodierte etwas in meinem Kopf. Als mein Hals wie ein Streichholz nach vorn knickte wusste ich, dass DAS nie wieder gut werden wird.
Im nächsten Moment knallte die Wand auf meinen Rücken und ich wusste, dass dieser Moment mein letzter Lebensmoment sein wird und ich jetzt sterben werde.
Ein anderes Leben, ein anderer Mensch
Mit dem Unfall sind Erinnerungen und Persönlichkeitsmerkmale aus meinem damaligen Leben tief unter einem Geröllberg verschüttet worden. Dort liegen sie noch heute.
Die Hoffnung, wieder so zu werden, wie ich vor dem traumatischen Geschehen war, habe ich inzwischen aufgegeben und mein neues Ich grösstenteils angenommen. Mit mir selbst bin ich heute (meist) einverstanden.
Schwarze Löcher und seelische Lähmung
Auch heute noch gibt es immer wieder Momente und Phasen, in denen die Trauer über verlorene Fähigkeiten und Möglichkeiten durchbricht. Immer wieder sitze ich in tiefen, dunklen Löchern mit Wänden glatt wie ein Spiegel.
Dementsprechend lang dauert der Aufstieg zurück ins Licht. Mitunter liege ich wochenlang im Bett ohne mich bewegen zu können. Eine seelische Lähmung, die den Körper ausschaltet. Bewegung ist dann nur noch in Gedanken möglich.
Anerkennen, Akzeptieren und weiterleben mit dem was jetzt ist
Die eigene Anerkennung und Akzeptanz des Erlebten und der neuen Lebenslage sind wichtige Bausteine für eine Trauma-Genesung. Bis hierhin war es ein langer und steiniger Weg. Und es wird ein lebenslanger Prozess bleiben. Auch das galt es, anzuerkennen, Ebenso wie die Erkenntnis, dass es für schwere Traumata keine Heilung, im besten Fall jedoch Heilung geben kann.
Auf das Wenige konzentrieren
Meine heutige Kraft und Energie benötige ich, um einigermaßen gut durch jeden einzelnen Tag und viele anstrengende Situationen zu kommen. Einfachste Tätigkeiten wie Geschirr spülen und einräumen, Duschen und Anziehen sind heute Kraftakte und oft nicht möglich.
Pro Woche kann ich an maximal zwei Tagen am Leben teilnehmen. Nach jeder Tätigkeit legt mein Körper mich in eine Art Wachkoma und braucht zwei bis drei Tage Regeneration. Zu akzeptieren, nur noch in kleinen Dosierungen lebensfähig zu sein, war eine der größten Herausforderungen.
Jahrzehntelange Schwerstarbeit
Fast zwei Jahrzehnte nach dem Unfall bleibt die Erkenntnis, dass die Be- und Verarbeitung eines überlebten Traumas physische und psychische Schwerstarbeit ist.
Phasenweise wird sie immer wieder notwendig sein, wie beispielsweise nach Flashbacks oder Re-Traumatisierungen, die auch nach Jahrzehnten noch möglich sind.
Unbekannte Parameter
Die Auseinandersetzung mit dem Erlebten ist und bleibt um ein Vielfaches schwerer als die Ausübung meines Berufes. In meinen Berufen als Bürokauffrau und IT-Managerin wusste ich meist, was wann zu tun war.
Fixe Parameter waren vorab klar definiert. Flexible Parameter konnten aufgrund von Berufs- und Lebenserfahrung gehändelt werden.
Unsichere Umstände
Bei der Be- und Verarbeitung eines traumatischen Erlebnisses ist nichts definiert und klar ist gar nichts mehr. Stattdessen gibt es unzählige unbekannte Größen. Und gemeistert wird nur selten etwas.
So kann ein Flashback zu jedem x-beliebigen Zeitpunkt ausgelöst werden. Während dem Einkaufen, ausgelöst durch ein lautes Geräusch zum Beispiel. Oder durch die Gestik oder Mimik eines Menschen. Auch Düfte und Gerüche können einen Flashback auslösen.
In meinem Fall waren (und sind auch heute noch) meist Geräusche oder hektische Bewegungen Auslöser für Flashbacks. Der Wandeinsturz war mit irrsinnigen Geräuschen verbunden. Glücklicherweise sind die Flashbacks heute nicht mehr so heftig, dass ich wieder im Unfallmoment bin und in Erstarrung falle. Heute ist es meist ein starkes Erschrecken mit kurzem Herzrasen und Schnappatmung. Und manchmal auch der Gedanke „du dumme Sau“, wenn Personal beim Einräumen von Waren die Kartons mit lautem Knall auf den Boden fallen lässt.
Keine Trauma-Schablone
Es gibt keine Schablone, die auf die Trauma-Erfahrungen oder auf den Genesungsprozess einer betroffenen Person gelegt werden kann. Jeder traumatisierte Mensch erlebt sein Trauma anders.
Womit jedoch alle schwer traumatisierten Menschen zu kämpfen haben, sind übermächtige Ängste.
Übermächtige Ängste
Die Angst die Wohnung zu verlassen, Angst zu sterben, Angst vor Zurückweisung und dem Verlassenwerden, Angst vor der Zukunft, Angst vor dem Leben, Angst vor Menschen. Das sind nur einige der Ängste, die für schwer Traumatisierte Realität sind.
Die größte Angst ist oft die Erinnerung an die traumatische Situation. Um dieser möglichst nicht wieder zu begegnen, werden alle nur möglichen Verdrängungs- und Verhinderungsmechanismen aktiviert.
Diese Ängste „im Zaum zu halten“ kostet extrem viel Kraft und Energie. Um sie zu überwinden, braucht es Zeit,Ruhe und Unterstützung. Entweder in Form einer speziellen Trauma-Therapie, die meistens in eine Psychotherapie eingebettet ist und / oder in Form von Medikamenten.

Angebots-Verbesserung
Heute gibt es eine Vielzahl an Behandlungsformen für Traumata/ Trauma.
Auch die Anzahl an Trauma-Experten hat sich wesentlich verbessert.
Als ich ab 2007 auf der Suche nach einer Traumatherapie war, gab es im gesamten Landkreis Darmstadt gerade einmal drei ausgebildete Trauma-Therapeuten.
Freiwilliger Verzicht auf Behandlung
Eine dieser Trauma-Therapeuten war Dr. Andrea Wiedenroth. Menschlich absolut inakzeptabel. Mit der Empathie eines Kleiderbügels war mir der dringende Wunsch nach Hilfe vergangen. Der schönste Moment dieser Begegnung war der Moment das Verlassens der Praxis.
Ab 2009/2010 hatte ich das große Glück, einen Therapieplatz bei Dr. Lucien Burkhardt für eine Trauma-Therapie mit dem Schwerpunkt EMDR zu bekommen.
Knapp drei Jahre lang hat Dr. Burkhardt sich mit mir durch meine Traumatisierung gearbeitet. Mein Dank an Sie begleitet mich täglich. Nur durch Ihre Arbeit war der Beginn der psychischen und physischen Genesung meiner Traumaerfahrung möglich.
Medikamente können entlasten
Jahrelang habe ich michh gegen die Einnahme von Medikamenten für die Psyche gewehrt.
Auch mein Trauma-Therapeut Dr. Burkhardt konnte mich nicht davon überzeugen, Medikamente einzunehmen, die mein seelisches Chaos, meine Seelen- und Herzschmerzen lindern könnten. Meine grösste Angst war, die Kontrolle über mein Lebens-Chaos zu verlieren.
Besser früher als zu spät
Aus meiner persönlichen Erfahrung möchte ich weitergeben, therapeutische Unterstützung rechtzeitig zu suchen und auch helfende Medikamente (wenn notwendig) besser früher als später einzunehmen.
Angst vor Kontrollverlust
Im Tunnel
Ich war in einem Tunnel, der nur eine Blickrichtung kannte. Erst 2015, nach fünf weiteren Jahren Schmerz und Trauer habe ich mich bei einer ersten Behandlung durch den Neurologen Dr. Busse überzeugen lassen, ein Medikament gegen all meine psychischen Beschwerden zumindest zu testen.
Inzwischen hatten sich meine Befindlichkeiten zu einer mittelgradigen Depression manifestiert.
Zeitversetzte Wirkung
Etwa zehn Wochen nach der Ersteinnahme des Antidepressiva habe ich gemerkt, dass die grauenvollen Schmerzen in meinem verletzten Bein besser geworden waren. Und ich habe endlich wieder ein kleines Licht vom Boden meines Stimmungstiefs gesehen. Ein kleines Licht, dass große Hoffnung gemacht hat, dass ich vielleicht wieder aus dieser Grube herausfinden kann.
Die Migräne des Neurologen
An dieser Stelle Danke an Herrn Dr. Busse für die Überzeugungsarbeit. Durch ihre medikamentöse Einstellung mit Antidepressiva und Schmerzmittel hat sich mein Dasein um einige Level verbessert und viele kleine Heilungsschritte ermöglicht, die in Summe ein größerer Schritt sind.
Befremdliche Einstellung
Ihr Vergleich meiner Befindlichkeit mit ihrer persönlichen Situation, Zitat „… Ich habe durch meine Migräne auch immer wieder Tage an denen ich nicht arbeiten kann….“ Zitatende, haben mir bewusst gemacht, dass sie weder meine Situation erfasst haben, noch von dem Thema Trauma Ahnung hatten.
Im Gegensatz zu ihnen werde ich nie wieder einen Tag arbeiten können. Alles was ich heute am Computer mache, z.B. diese Webseite realisieren, kann ich an guten Tagen nur liegend und für kurze Zeit tun (circa 60 Minuten).
Persönliche Trauma-Definition
>>Ein schweres psychisches Trauma ist ein seelisches Erdbeben. Kein Seelenstein bleibt auf dem anderen.
Es braucht viel Zeit, Ruhe und Empathie, um das Seelenhaus wieder aufbauen zu können.
Kommen irreparable körperliche Verletzungen, ahnungslose Ärzte, gar die Verweigerung medizinischer und menschlicher Hilfe hinzu, bleibt es nur eine Frage der Zeit, bis ein schwer traumatisierter Mensch gebrochen und eine Rückkehr in ein „normales“ Leben unmöglich ist.«
katrin dohnt, im Oktober 2020
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