Anfang September bin ich aus meiner zwei-Zimmer Wohnung – in der ich mehr als zehn Jahre gewohnt habe -, in eine Ein-Raum-Wohnung in einer Pflegeeinrichtung gezogen.
Da meine Vermieterin die Zwangsräumung beantragt hatte und diese Pharce vor Gericht bestätigt wurde, musste alles sehr schnell gehen.
So schnell wie es gehen musste, so chaotisch war es dann auch und ist es immer noch.
Noch immer sitzliege ich in meiner neuen Wohnung in einer Mischung aus Wohnlich und Müllhalde. Eine wohnliche Müllhalde sozusagen.
Müllhalde in beiden Wohnungen
AVK – Die Perle der Umzugfirmen
Die Umzugsfirma (AVK aus Frankfurt) hat nur einen Teil der Möbel umgezogen, dafür jede Menge Kartons und Kram mitgenommen, deren Inhalt für den den Sperrmüll gedacht ist.
Der Firmenwagen von AVK – Klein und schrottig
Langsames Ankommen
Allmählich erhole ich mich von dem anfänglichen Schock, den Rest meines irdischen Seins in einer Pflegeeinrichtung zu verbringen.
Beim Mittagessen, dass hier frisch zubereitet wird und sehr gut ist, habe ich zwei Nachbarn kennengelernt. Eine 93jährige Frau und einen 84jährigen Mann. Beide sind in einem beneidbaren „Zustand“.
Gesundheit ist keine Frage des Alters
Die 93jährige Frau ist noch unglaublich jung im Kopf und hat einen wunderbaren Humor.
Schmerzbedingt kann ich leider nicht jeden Tag essen gehen, so dass ich nicht jeden Tag Kontakt habe. Vorallem der Humor von Frau G. fehlt mir.
Beste Grüße von der Demenz
Seit gestern schiebe ich Hunger, da ich vergessen habe, mich rechtzeitig für das Mittagessen anzumelden.
Dem anfänglichen Schock ist die Erleichterung gefolgt. Denn allmählich nehme ich wahr, dass mein weiteres irdiscbes Sein hier deutlich leichter werden wird.
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Die meisten Erfahrungen, die ich nach dem Unfall gemacht habe, sind alles andere als komisch. Einige davon sind derart abstrus, dass sie nur erträglich sind, indem ich sie der Lächerlichkeit preisgebe. So wie das folgende faszinierende Erlebnis.
Wenn Eine eine Reise tut
Ab Sommer 2010 fuhr ich über einen Zeitraum von fast drei Jahren zur Behandlung ins Grönemeyer-Institut[1] nach Bochum[2]. Um diese Termine bewältigen zu können, musste ich pro Termin mindestens für eine Nacht in der Stadt der Romantik übernachten.
Insgesamt dauerte solch eine Behandlungsreise mindestens drei Tage. Einen Tag Hinfahrt, einen Tag Behandlung, einen Tag Rückfahrt. Meist brauchte ich vier oder fünf Tage, da Erschöpfung und Schmerzen nach den Behandlungen mehr Zeit in Anspruch genommen haben.
Die Behandlungsreise mit der längsten Dauer nahm acht Tage in Anspruch. Die Übernachtungskosten waren dann höher als die Behandlungskosten. So konnte solch eine Reise schnell in den vierstelligen Bereich gehen. Doch ich wäre zum Mond geflogen und hätte meinen letzten Cent ausgegeben, wenn ich nur Hilfe bekommen hätte.
Schmerzhafte Schmerzbehandlung
Bei einer Schmerzbehandlung im Gronemeyer Institut wurde unter dem CT[3] an den Nervenwurzeln der LWS eine Injektion mit Schmerzmittel und Cortison[4] eingebracht. Dabei war der Arzt aufgrund von Übermüdung – die Behandlung war für 16:00 Uhr terminiert, tatsächlich fand sie wegen Notfällen kurz vor 20:00 Uhr statt – mit der Nadelspitze abgerutscht. Aua. Obwohl ein Teil von Rücken und beide Beine taub und nur mit größtem Willen um Zentimeter nutzbar waren, hatte ich zu den bereits vorhandenen Schmerzen zusätzlich kaum auszuhaltende Schmerzen. (Mehr dazu in einem anderen Buchkapitel).
Das hat weh getan. Eine von insgesamt drei PRT-Behandlungen ist daneben gegangen
Einhundert Meter – eine Reise zum Mond
Zu Beginn dieser Behandlungsreisen nächtigte ich der Einfachheit halber in einem Hotel in Bahnhofsnähe. Die Zimmer waren gediegen rustikal. Interieur sowie das Teppichboden ähnliche Gebilde hatten einige Dekaden hinter sich und waren damals bereits so alt wie ich heute (Ü50 mit Tendenz zu U60)
Zu Fuß waren es vom Bahnhof ungefähr einhundert Meter zum Hotel. Mit dem Auto aufgrund von Einbahnstraßen und Umleitungen waren es circa dreihundert Meter. Die wenigen Meter Fußweg waren damals für mich wie die Reise zum Mond – unmöglich, so dass ich auf die Fahrt mit einem Taxi angewiesen war. Wäre der Weg zum Hotel abschüssig gewesen, ich wäre auf meinem Koffer mit Rollen zum Hotel gerollt. Dies war nicht möglich und so haben sich die Taxi-Fahrten zu einer Art Extrabonus entwickelt.
Feinste deutsche Hochkultur
Dabei waren die Taxifahrer ein Höhepunkt feinster deutscher Hochkultur. Rustikale Traditionen wurden liebevoll gepflegt. Gesprochen wurde hauptsächlich ein kaum zu verstehendes Kauderwelsch aus Schimpfwörtern.
Eines dieser zweibeinigen hochkulturellen Ereignisse sollte/ musste ich gleich bei einer der ersten Fahrten nach Bochum kennenlernen.
Baron B ähnliche Abbildung
Oha
Ein Bahnmitarbeiter vom Mobilitätsservice[5] hatte mich mit einem Transportmittel vom Zug abgeholt und zum Taxistand gebracht. An diesem stand an jenem Sommernachmittag die gesamte Haut Couture der Bochumer Taxifahrer. Mein erster Gedanke beim Anblick der in Samt und Seide gewickelten Feingeister (wobei die Betonung auf Geist liegt), war: Oha. In eleganten Zweireihern standen sie rauchend beieinander und warteten mit einladenden Blicken auf Fahrgäste. Auf den Dächern ihrer Fahrzeuge lagen Werke von Homer, Shakespeare und Büchner.
Von diesem adretten Anblick animiert, begab sich der Bahnmitarbeiter zum Anfang der Taxifahrzeuge, während ich aufgrund bereits gemachter Erfahrungen mit dieser speziellen Spezies skeptisch in Sichtnähe wartete.
[5] Eine Abteilung der deutschen Bahn für Menschen mit Behinderungen
Papstwahl
Kaum hatte der Bahnmitarbeiter den Fahrern mitgeteilt, welcher Fahrauftrag ihr nächster sei und dabei in meine Richtung gezeigt, wurde deutlich, dass die Herren im richtigen Leben im gehobenen Management führender Dachs-Unternehmen arbeiteten und das Taxifahren lediglich ein Ausgleich zu ihren stressigen Jobs war. Aussagen und Begriffe flogen über den Bahnhofsvorplatz, deren Bedeutung mir glücklicherweise verborgen blieb. Lediglich dem wilden Gestikulieren und an der Lautstärke der Diskussion konnte ich jedoch erkennen, dass nicht über die Saat von Sonnenblumen oder die Wahl des nächsten Papstes diskutiert wurde.
Ein fahrbares Chalet
Nach etwa fünf Minuten verbalem Gefecht war auch mir endlich klar, dass keiner der Fahrer gewillt war, meinen Rollkoffer und mich die dreihundert Meter zum Hotel zu fahren. Erst nachdem der Bahnmitarbeiter mit einer Anzeige gedroht hatte und mehrere Passanten die Taxifahrer umlagerten, öffnete einer der Fahrer seinen Verschlag sein fahrbares Chalet. Nach etwas genauerem Hinschauen eine Müllkippe auf vier Rädern – eine tolle Idee der Stadt Bochum.
Baron B
Die Fahrt zum Hotel war ein weiteres kulturelles Hochereignis. Auf dieser kurzen Fahrt hat der Chauffeur – nachfolgend Baron B genannt – ganz der galante Gästebetreuer, mich umgehend und liebevoll mit dem heimischen Sprach- und Verhaltensgebräuchen seiner Stadt vertraut gemacht. Er brachte mir regionale Begriffe wie Abschaum, Dreck und Abfall näher – passend zu seiner fahrenden Drecksschleuder.
Frei- und Leerräume
Um diese Begrifflichkeiten möglichst authentisch zu vermitteln, hatte Baron B. den Großteil seiner Kauleiste[6] herausgenommen. In den dadurch freigewordenen Räumen steckte ein Sargnagel (Zigarette der Marke Dreckstück für einsfuffzig), der genauso elegant ausschaute wie Baron B. him self.
Den Fahrpreis von 5,40 Euro am Ende der Fahrt verstand ich auf Grund der oralen Leerräume nur sehr lückenhaft. Den gewünschten Betrag lies ich unter größter Anstrengung – um mit möglichst Nichts in diesem Vehikel, vor allem nicht mit Baron B. in direkten Hautkontakt – zu kommen, auf den Rücksitz fallen.
Der eigenen Gesundheit war es zuträglicher, in diesem Wagen des Jahres mit dem Fahrer des Jahrhunderts nichts dem direkten Hautkontakt auszusetzen. Meine bereits vorhandenen Einschränkungen wollte ich nicht noch um die Rems oder die Räude ergänzen.
Beim Aussteigen aus der Bakterienschleuder wartete Baron B. – ganz der feingeistige Denker dessen Hände für Klavier und Kaviar gemacht sind – höflich mit einem Hauch von Transpiration auf seinem mit feinstem Fledermausleder bezogenen Sitz, bis mein Rollkoffer und ich den Weg aus seinem Gespann gefunden hatten. Gelegentlich paffte er eine Rauchwolke mit dem Duft der großen weiten Welt vor sich hin.
Schloss Rammstein und Freifrau Fredericke
Mit einem zuvorkommenden regionalen Satzbau in dem mindestens einmal das Wort Schaum vorkam, verabschiedete sich Baron B. und quietschte mit fahrenden Reifen um die Ecke. Sicher war Baron B in Gedanken bereits auf seinem Schloss und in Vorfreude auf das abendliche Diner, welches stets mit einem Entree von Schlampanja (Schaumwein) und gestörten Fischeiern begonnen wurde.
Wahrscheinlich wartete zu Hause auf Schloss Rammstein seine Gemahlin, Freifrau Fredericke von und zu auf und davon bereits mit dem Entree zum Abendtisch.
Die brokatverzierten Hausschuhe des Baron B. wurden in einer eigens dafür entworfenen Wärmebox auf kontinuierlich 42,71 Grad Celsius vorgewärmt. Dies war die Lieblingstemperatur der fidelen Füße von Baron B. Ein Zehntel Grad weniger oder mehr führten zu einem Räudeähnlichem Ausschlag sowie einem Tobsuchtsanfall der Marke extraordinär.
Schloss Rammstein: Das Schloss von Baron B und Freifrau Fredericke
Die Geburt Jesus
So manch güldener Teller ist bei einem dieser Anfälle bereits zu Bruch gegangen. Sogar die Lieblingsbrosche seiner Frau Gemahlin, ein Erbstück in achtundsiebzigster Generation (kurz nach der Geburt Jesus) ist einem dieser Anfälle zum Opfer gefallen.
Der jüngste Sohn, Stammhalter Prinz Julius Adebar spielte auf dem Flügel Einsteins sechsundvierzigste, eigens komponiert für den Herrn Papppa. Und Tochter Alexandra, Prinzessin der Pigmente, kam soeben auf ihrer Stute King of the World von ihrem nachmittäglichen Ausritt auf das heimische Gehöft getrabt.
Künstliche Kauleiste und Erhabene Wohltätigkeit
Und wahrscheinlich lag auf einem brokatverzierten Unterteller der Marke Rutschenheuter das güldene Gebiss von Baron B, welches er nur zu besonderen Anlässen in seinen oralen Freiraum klemmte. Ungeduldig wartete seine künstliche Kauleiste darauf, endlich wieder in Wachteleier zu beißen und das wollige Prickeln eines Pom Derignon zu schmecken.
Das Fahren des Taxis gehörte nicht zu den besonderen Anlässen. Bei diesen handelte es sich um wohltätige Erhabenheit, mit welcher die reich gesegnete Familie ein klein wenig von ihrem Glück abgeben möchte.
Hochadliges Teilen: Zwischen 10:00 und 19:00 die Kauleiste des schlosseigenen (Dalai)Lamas. Ab 19:00 bis 10:00 morgens die Kauleiste von Baron B
Danke und Wunsch
An dieser Stelle herzlichen Dank an den sehr freundlichen und sehr geduldigen Bahnmitarbeiter, der sich von wüsten Beschimpfungen nicht hat abhalten lassen und einen der Taxifahrer dazu gebracht hat, die kurze Kurzstrecke mit dem Lebendmüll (Originalton Baron B I Bochumer Taxifahrer) zu fahren. Diesem bleibt zu wünschen, er möge selbst nie in solche eine Situation kommen und dann auf Personen wie ihm selbst treffen.
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*geplante Veröffentlichung Frühjahr 2024
Bilder: Pixabay.com Bildbearbeitung: wgl – wiedergehenlernen I katrin dohnt
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In den vergangen Jahren habe ich mich mit der Frage auseinander gesetzt, wie und wo ich mein (wahrscheinlich) letztes Lebenskapitel leben möchte.
In meinem eigenen Haushalt stoße ich immer wieder an Grenzen. Die Wohnung ist zwar schön, doch leider nicht behindertengerecht. Dies, die Tatsache, dass ich meinen Alltag nur noch schwer bewältigen kann, sowie die außerordentliche Kündigung durch meine Vermieterin (eine lange, eine andere Geschichte) haben mir die zunächst angstmachende Entscheidung leichter gemacht.
Und so bin ich froh, wenn ich im Laufe dieses Jahres ein neues Zuhause finden kann in einer Gemeinschaftsunterkunft mit Betreuung. Mit Unterstützung des LWV Darmstadts (Landeswohlfahrtverband) bin ich sicher für meine letzte Lebensdekade eine gute und passende Unterkunft zu finden.
Vorfreude und Hoffnung wachsen
Haben zunächst ängstliche und traurige Gedanken bei der Auseinandersetzung mit diesem Thema überwogen, stellt sich allmählich Erleichterung und Vorfreude ein. Die Vorstellung, mich künftig um nichts als um mich kümmern zu können, sprengt momentan noch meine Vorstellungskraft. Ebenso der Gedanke daran, wieder anderen Menschen zu begegnen. Nach mehr als zehn Jahren sozialer Isolation schier überwältigend. Ebenso wie der Gedanke, dann endlich meinen Interessen nachgehen zu können. Meine Bücher fertig zu stellen, meine Kreativität wieder leben zu können – pures Glücksgefühl.
Die nächsten Wochen und Monate werden zeigen, wohin diese Reise führt. Da ich regional ungebunden bin, kann dass deutschlandweit fast überall sein. Hauptsache, weg von der Telekom, die hier omnipräsent ist.
Voller Hoffnung und Vorfreude und der Frage, wohin die Reise gehen wird
Loslassen – das große Zauberwort
Da meine neue Unterkunft räumlich wesentlich begrenzter sein wird als mein jetziges zuhause, werde ich fast alles Materielle hinter mir lassen müssen (dürfen?). Dieser Gedanke schafft mir inzwischen mehr Erleichterung als Sorge. In meinem Leben gab es bereits einige große Lebensumbrüche und Neuanfänge.
So der „Weggang“ vor mehr als dreißig Jahren aus der damaligen DDR in die BRD.
Gedankenreise in die Vergangenheit
Mit einer Reisetasche mit dem Allernötigsten wie persönliche Dokumente, nötigste Kleidung und ein paar Erinnerungsfotos. Begleitet von der Angst in eine Reise ins Ungewisse. Viel hätte damals noch schiefgehen können. Die Zugfahrt ohne zu Wissen, wo genau der Zug hinfährt, war der reinste Horrortrip. Hunderte Gleichgesinnte waren zusammengequetscht in den Abteils. Kinder lagen weinend und schreiend in den Gepäckablagen. Alte Menschen saßen zitternd da mit der Angst, die eigenen Kinder und Enkel ebenso wie die Heimat vielleicht nie wieder sehen zu können.
Hoffentlich hält er dicht
Nur ein nahestehender Angehöriger wusste von meinem Vorhaben, nicht mehr nach Hause zu kommen und unmittelbar nach der Arbeit die Reise in eine unbekannte Zukunft anzutreten. Nur mit einer kleinen, möglichst unauffälligen Reisetasche mit den allernötigsten Dingen.
Von meinem Arbeitskollegen habe ich mich wie jeden Tag verabschiedet, ebenso von Freunden und allen anderen Angehörigen, die ich in den Tagen und Wochen vor meiner Abreise getroffen habe. Ein befremdliches Gefühl, dass mitunter tiefe Emotionen hervorgerufen hat. Selbst wenn der Wunsch einen fast zerrissen hat, zu sagen, dass es das letzte Treffen sein wird, möglicherweise ohne eine Chance auf ein Wiedersehen. Doch als DDR-Bürgerin wusste man, wann es besser war zu schweigen und sich selbst und andere nicht in Gefahr zu bringen.
Der Duft der großen weiten Welt
In dem Zugabteil hat es gerochen wie in einem wochenlang nicht gereinigten Pumakäfig. Damals, mit Anfang zwanzig wusste ich noch nicht, was für ein Geruch das war. Heute, nach meinem überlebten Unfall und bis heute anhaltenden Reise der Traumaheilung weiss ich, dass Angst nicht nur riecht – sie stinkt derart unangenehm, dass einem von der eigenen Duftnote übel wird. Kein Waschen, kein Deo, nicht das teuerste Parfüm schafft Abhilfe.
Begegnung zweier Welten
Fast ohnmächtig von diesem hundertfachen Angstgeruch dauerte die Zugfahrt in das neue Land und neue Leben etwa zehn Stunden. An der damaligen deutsch-deutschen Grenze wurde der Angstgeruch ins Unendliche gesteigert. Die ostdeutschen Grenzsoldaten trampelten durch die Abteile und hatten dabei ihre Maschinenpistolen auf die verängstigen Menschen gerichtet. Ohne Angabe von Gründen wurden Leute aus dem Zug geholt. Abgeführt wie Schwerverbrecher. Vor und hinter ihnen schwerbewaffnete Soldaten, die ohne zu Zögern von ihren noch existierenden Möglichkeiten Gebrauch zu machen. Kaum dass ihnen der Moment gelassen wurde, persönliche Dinge mitzunehmen oder sich von Angehörigen zu verabschieden. Für einige von ihnen war die Fahrt damit zu Ende. Der neue Aufenthaltsort für sie war das Untersuchungsgefängnisse.
Wenn es sein musste, haben die Soldaten und Polizisten der damaligen DDR bis zum letztmöglichen Moment geschossen. Für sie waren all die Menschen, die ihre Heimat verließen in der Hoffnung auf ein Leben in Freiheit mit mehr Selbstbestimmung, Staatsfeinde und Verbrecher.
Ankunft im neuen Land
Wenige Kilometer, doch Stunden später, wurde es freundlich und menschlich. Die westdeutschen Grenzpolizisten waren das völlige Gegenprogramm und haben uns in Erstaunen mit offenen Mündern versetzt. Kein Schreien, keine Kommandos, keine Aufforderungen, den Zug zu verlassen. Keine Waffen, die auf uns gerichtet wurden. Stattdessen Aufklärung darüber, wo wir sind, wo der Zug hinfährt und was die nächsten Halteorte sein werden. Und endlich erfuhren wir auch den Zielort des Zuges.
Wer im „falschen“ Abteil saß, landete in der Pampa – doch immerhin in der westdeutschen Pampa!
Pro Halteort wurde jeweils der letzte Wagon abgehängt, so dass am Zielort (Frankfurt am Main) die Lok nur noch mit einem oder zwei Abteilen einfahren sollte. So sollte eine gerechte Aufteilung auf verschiedene Orte sicher gestellt werden.
Ich hatte das „Glück“, in einem Ort nahe Fulda abgehängt zu werden. Dort war ein Auffanglager für die nächsten Monate meine zuhause. In einem riesigen Raum mit drei-Stockwerk-Betten vereint in Gedanken mit all den anderen Menschen, denn alle hatten wir ähnliche Hoffnungen und Wünsche. Und auch unsere Ängste und Sorgen waren ähnlich***.
Zurück in die Gegenwart
Von derartiger Dramatik ist heute keine Spur. Vielmehr fange ich an, mich auf diesen neuen Lebensabschnitt zu freuen. Es könnte meine leichteste Lebensphase werden. Trotzt meiner körperlichen Verletzungen, trotzt der traumatischen Unfallerfahrungen, trotzt der Tatsache, dass ich meine geliebten Wellies* nicht werde mitnehmen können. Für sie gilt es, ebenfalls eine gute Lösung zu finden.
Zwischen die angst- und sorgenvollen Gedanken mischt sich immer mehr Vorfreude und Hoffnung. Diese Hoffnung trägt derart, dass meine momentane Lebenslage, erschwert auch durch eine äußerst unangenehme** Vermieterin, erträglicher wird.
Auf dem Weg in einen neuen Lebensabschnitt
*Wellensittiche **die höflichste Form der Umschreibung ***über meine Ost-West-Erfahrungen ist ein Buch in Planung.
Bilder: Pixabay Bildbearbeitung: Katrin F. E. Dohnt von wgl – wiedergehenlernen
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